Sturmfrei – Tag 1

Kontext

Bevor ich euch in die derbe Live-Action einsteigen lasse, hier mal der Kontext. Hurricane Sandy ist auf dem Weg nach New York, besser gesagt auf dem Weg zu einem sehr großen Teil der Ostküste. Der Name: Es wäre zu schön, wenn das Ding Mandy geheißen worden wäre. Barry Manilow, „Oh Mandy, when you came and you gave without taking“, wäre wirklich der ideale Soundtrack gewesen.
Die verschiedenen TV Sender wie auch die verschiedenen Online Plattformen (Twitter, Facebook, StudiVZ) überbieten sich hier derzeit mit Fakten über Fakten. So soll der Sturm einen Durchmesser von 900 Meilen (etwa 1500 km) haben, sich mit nur 15 miles/hour bewegen und so weiter. Was das heißt wird dem Leser/Zuschauer im Anschluss an die Meldung unmittelbar übersetzt: „really bad“. Ich persönlich finde das bisher eher amüsant, könnte aber sein, dass das noch schlimm hier wird.


Alle Hamster sind restlos ausverkauft

Schlimme Dinge, die bis dato passiert sind:

23:50, 28.10.2012: Die San Francisco Giants gewinnen mit einem 4:0 sweep gegen die Detroit Tigers die World Series. D.h. wenn wir heute Abend noch Strom haben sollten, dann müssen wir unglücklicherweise American Football gucken.

10:20, 29.10.2012: Guten Morgen. Hmm, es regnet und es ist windig. Könnte Oldenburg an jedem beliebigen Zeitpunkt des Jahres sein.

10:28, 29.10.2012: Das Nutella und die Newman’s Own Lemonade sind leer. Das ist jetzt wirklich schlimm! Auf zum Supermarkt.

10:50, 29.10.2012: Ein Freund berichtet mir, dass der Bürgermeister offiziell verboten hat surfen zu gehen.

11:45, 29.10.2012: Auch im Supermarkt gibt es kein Nutella mehr! Was zum Teufel?! Das ist doch kein Stormfood … immerhin gibt es Lemonade, sonst wäre das echt unangenehm worden.

Aktuell:

12:38, 29.10.2012 (ich habe ab jetzt keine Lust mehr das Datum zu schreiben): Ähm, es „frischt“ ein wenig auf. Viel Wind und Regen grade. Gleich spricht Obama

13:12: Ob Sandy dem Obama wie die Oderflut dem Gerd? Er hat auf jeden Fall allen gesagt, dass er und seine Regierung Sandy ernst nehmen. Das ist jetzt schon mehr als George W. vor einiger Zeit zu einem anderen Sturm zu sagen wusste.
Ich muss mich jetzt schon in halbgare politische „Witze“ retten, denn es gibt nichts zu berichten.

13:37: Nix Neues, ich hab vergessen zu sagen, dass wir in „Area B“ leben und wenn der Gowanus über die Ufer tritt könnte es einen wortwörtlichen „Shitstorm“ geben, da das Ding echt randvoll mit Abwasser und Abfall ist.

14:14: Im Fernsehen besprechen die den Sturm wie sie Halbzeitanalysen beim Sport machen: zig Experten für alles mögliche und zahlreiche Graphiken.


Sandy spielt Raumdeckung

14:32: Oh, der Sturm nimmt jetzt echt Fahrt auf.


Von unserem Fenster ist jetzt eine Außenleiste ab. Damn you, Sandy!

15:17: In Manhattan ist ein Kran auf einem Hochhaus abgeknickt und die müssen den jetzt fallen lassen, weil man den nicht sichern kann.

15:24: Wow, um 16:00 werden die Brücken geschlossen.

15:48: Nach wie vor stehen Reporter in windigen Gegenden rum und sagen, dass es gut ist, dass die ganzen Leute in ihren Wohnungen sind. Wenn die Reporter weg sind wirds vielleicht richtig ernst.

16:32: Die Reporter sind noch unterwegs und stehen im Wind herum. Mich langweilt das jetzt erstmal und ich spiele ne Runde Doppelkopf

17:14: Patrick Ebert erzielt sein zweites Saisontor für Real Sociedad San Sebastian … yes, that kind of boring

17:48: Um 19:00 werden alle East River Brücken geschlossen. Dann sind wir wirklich auf ner Insel

18:46: Okay, Battery Park, der Südzipfel von Manhattan, wird jetzt so langsam überflutet. Ferner zeigt das Fernsehen seite einiger Zeit Bilder, die Zuschauer von irgendwelchen Orten gemacht haben, an denen Sturm ist. Es wird zwar immer wieder gesagt, dass man nicht rausgehen soll, aber es sind offenbar zig Leute unterwegs, machen Fotos und zeigen die rum. Das ist n ziemlicher Mediensturm für mich bisher. Null Gefahr.

19:19: GEFAHR! Ich hab grad die Nudeln für unser Abendessen abgegossen, da knallt neben mir ein Baum ins Haus. Fernsehen: Kaputt; Internet: Kaputt … Strom noch an.


DAS KANN MAN SICH JA GAR NICHT VORSTELLEN … also das ist der Baum von der Küche aus gesehen.

22:28: Der Baum ist in den Garten gekracht und nix weiter ist los. Wir haben bestimmt zehn Partien Schach gespielt und die Leute hier trinken Wein. Es ist großartig mit Weinmenschen so einen Abend zu verbringen. Draussen ist es scheisse. Sehr viel Wind und Zone A, die beginnt zwei Blocks von uns, ist überschwemmt. Laut Daniel, der so Handy-Internet hat (das geht noch), ist die UBahn auf 4 Fuß Höhe (das Internet ist aus, daher kann ich das gerade nicht konvertieren, aber 3 Fuß sind ungefähr ein Meter) überflutet, irgendwo ist ein Haus kaputt gegangen. Jetzt ist es eher ein privater Sturm. Ohne Internet und Fernsehen oder Radio ist man mit dem Sturm recht alleine.

23:45: Das Radio funktioniert wieder!!! Eigentlich hat es das bereits die ganze Zeit, aber wir hatten vergessen, dass das Radio auch dann funktioniert, wenn das Internet nicht mehr geht. Eine starke Erfindung!

09:42: Guten Morgen, das Internet ist immer noch schrott. Ich will mal gucken, ob ich nach dem Frühstück einen Starbucks mit Internet finde.

11:29: Wow, es ist hier echt Endzeitstimmung! Die meisten Geschäfte und Cafes haben zu, alle Brücken zwischen Brooklyn und Manhattan, d.h. zwischen uns und dem mittelbaren Festland, sind gesperrt und die UBahn-Tunnel sind überflutet …