Settling in

Beim Blick auf den Kalender stelle ich zweierlei fest: 1. ich habe weniger Termine auf die ich keine Lust habe, sondern viel mehr von denen – wie beispielsweise Fußball im McCarren Park – die mir wirklich Spaß machen; 2. ich bin schon über einen Monat hier.

Punkt 2 deutet mir an, dass es an der Zeit sein könnte darüber nachzudenken, ob ich nun „so richtig“ in New York „lebe“ oder was? Was es denn genau bedeuten soll „so richtig“ irgendwo zu leben, sei mal dahingestellt; ich stelle mir darunter etwa folgendes vor: sowas wie einen Freundeskreis, regelmäßige und unregelmäßige Freizeitbeschäftigungen, eine Form des sich-Auskennens, souveräner Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie total untouristische und unaufgeregte Abende an einem Ort, den man Zuhause nennt. Ich bin mir nicht sicher, ob das ausreicht, für die Dramaturgie des Beitrags ist es allemal hilfreich.

Freundeskreis

Das geht schnell: ich kenne hier ein paar Leute, die ich wirklich cool finde, habe sehr nette und coole Arbeitskollegen und einen hervorragenden Mitbewohner. Die Intensität des Zusammenlebens, wie ich sie aus meinem Freundeskreis in Deutschland kenne, ergibt sich aber nicht, was wohl zum einen damit zusammenhängt, dass ich hier noch nicht lange lebe, aber auch sicherlich damit, dass die Leute hier tagsüber auch einen ganzen Sack voll Sachen zu tun haben.

Freizeit

Spricht man über Freizeit, so darf die unfreie Zeit nicht fehlen. Darum berichte ich zunächst mal von meinem Job, der mir wirklich sehr gut gefällt. Ich arbeite im Archiv des Leo Baeck Institute, welches an der 16. Straße zwischen der 5th Avenue (die kennt jedeR aus dem Fernsehen) und der 6th Avenue (die ist nicht unbedingt so bekannt, mit Recht) liegt. Wenn ich mit meinem Kollegen Florian Mittagessen gehe, dann „vergesse“ ich allzuoft WO ich eigentlich gerade bin, schaue mich nicht um, sondern denke an die leckeren Dinge, die ich mir gleich kaufen werde. Das ist aber nicht unbedingt klug, bietet sich mir doch täglich etwa so ein Ausblick:

(okay, zugegeben, das Foto ist nicht so besonders toll und auf dem Foto ist es auch nicht Mittag, sondern Abend, aber so ähnlich sieht das da echt aus, nur halt … heller)

Was man in einem Archiv so tut ist wahrscheinlich nicht jedem klar, daher: Das Leo Baeck Institute beschäftigt sich mit der Geschichte der deutschsprachigen Jüdinnen und Juden. In das Archiv werden Nachlässe von Menschen gegeben, die in diese Kategorie fallen. Dann geht mein Job (fast) los. So ein Nachlass ist ein mehr oder weniger (meistens weniger als wenig) geordnetes Ensemble verschiedenster Dokumente, wie Geburtsurkunden, Briefe und Postkarten, Fotos und Zeichnungen sowie Manuskripte und so weiter. Das Ziel ist es nun, dieses immer anders zusammengesetzte Konvolut von Hinterlassenschaften so zu ordnen, dass es von HistorikerInnen, AhnenforscherInnen und anderweitig Interessierten tatsächlich benutzt werden kann.

*irgendwie dauert das länger als gewünscht*

Ich erkläre jetzt den Rest meines Jobs, als würde ich neben dir, lieber Leser, liebe Leserin sitzen, wir hätten schon ein paar Bier getrunken und es müsste eher schnell gehen, damit wir dann über Musik oder anderes, dich eigentlich interessierendes Zeug reden könnten. Mein Job – und der anderer – ist es nun: Karton (= Nachlass) nehmen, alten Kram rausholen, Kram lesen, ausdenken, wie man das sortieren könnte, ungefähr so sortieren, aufschreiben, wie das sortiert ist und was in dem Karton thematisch so zu finden ist, fertig.

Ich habe bereits am ersten Tag in meiner Wohnung in Brooklyn „Soccer Brooklyn“ gegoogelt (schreibt man das so? Warum ist das eigentlich ein Wort? „Im Internet gesucht“ klingt aber nich so cool) und bin dabei auf die Seite meetup.com gestoßen. Die erleichtert mir meine Freizeitplanung enorm, denn auf Meetup kann man so genannte, ja, Meetups generieren, wie beispielsweise „Pick-Up Soccer Matches“, d.h. ungezwungenes kicken in einem Park mit Toren und allem Zip und Zap. Man könnte auch zu Weinproben, Datingsachen für Singles oder allem anderen (un)möglichen Zeug gehen, aber ich hab mich bisher nur noch bei ner Ultimate Frisbee Gruppe angemeldet.
Frisbee spiele ich hier generell auch recht viel. Jüngst habe ich im Central Park vor dieser unfassbaren Kulisse, die man auf dem Foto erahnen kann, mit Freunden, die zu Besuch waren, Frisbee gespielt.

(vielleicht sind andere Bilder für die Kulisse besser geeignet, aber auf dem hier sehe ich schon auch cool aus, UND DAS IST ES WAS ZÄHLT)

Einige Tage später war ich mit zwei Kollegen aus dem Archiv dort und wir haben spontan mit ein paar Amerikanern Ultimate Frisbee gespielt. Ich finde es zwar nicht verwunderlich, aber bemerkenswert, dass man beim Spielen völlig vergisst wo man ist – andererseits ist es sicherlich schwierig eine Frisbee gezielt zu werfen, wenn man die ganze Zeit denkt: „Geil, New York, ay“ (irgendwie verliere ich also meine Attitüde ein wenig).
Meine Freizeit verbringe ich also überwiegend mit Sport, kein Witz: ich spiele bis zu vier Mal pro Woche hier Fußball, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass ich hier 1. schon zu den besseren gehöre (was absolut ungewohnt und daher umso cooler ist), 2.durch meinen 9to5 Job unglaublich viel mehr Zeit als sonst habe und 3. mir bei dem vielen Spielen hier auffällt, wie gerne ich eigentlich Fußball spiele.

Neben dem Fußball gehe ich hin und wieder mal was trinken, allerdings nicht so häufig, wie ich das gewohnt bin; vielleicht ist es aber auch ganz gut sich umzugewöhnen … das ginge natürlich irgendwie auch auf Kosten der Coolness … da muss man drüber nachdenken. Selbstverständlich nutze ich die Gelegenheit hier Konzerte zu sehen. Mittwoch habe ich mir Sebadoh angeschaut (wer die nicht kennt: googelt (!) die mal). In den kommenden Wochen und Monaten sehe ich noch ganz unfassbare Bands und Festivals (ich glaube ich habe schon mehr als tüchtig viel Geld für Tickets ausgegeben, aber zu den einzelnen Konzerten vielleicht ein anderes Mal mehr). Abgesehen davon, dass das Konzert von Sebadoh großartig war, kann ich nur jeder und jedem empfehlen im Bowery Ballroom einen Skianzug oder so zu tragen, die Klimaanlage ist auf Arktis-vor-Klimawandel gestellt. Ich habe noch nie in meinem Leben dermaßen bei einem Konzert (!!!) gefroren; bei genauer Überlegung habe ich überhaupt noch nie bei einem Konzert gefroren.

sich-Auskennen

Das geht jetzt wiederum verhältnismäßig schnell: nachdem ich an anderer Stelle darüber berichtet habe, dass es ganz gut funktioniert entgegen meiner Intuition zu handeln, muss ich leider mitteilen, dass das mitlerweile nicht mehr so prima klappt. Da ich jetzt „weiß“, dass ich daran denken soll, wo ich wahrscheinlich lang gehen sollte, um dann genau den anderen Weg zu gehen, ist das alles ein Riesenschlamassel: ich weiß, dass ich entgegen dem, was ich glaube zu wissen handeln sollte, nur wo führt das hin … Juliane Werding („Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“) kommt einem in den Sinn.
Zumindest schlage ich mich was Wegbeschreibungen angeht recht wacker. Nachdem ich einst in Paris mit „verblüffender“ Regelmäßigkeit in die falsche Richtung geschickt wurde, halte ich mich hier an die Devise, dass ich nur dann was sage, wenn ich es auch wirklich weiß. Nichtsdestotrotz hätte ich unlängst eine Frau auf Krücken fast sieben Blocks in die falsche Richtung geschickt. Zum Glück hatte ich mein Händi mit meiner ganz speziellen Navigationsfunktion dabei und konnte sie gerade noch in die richtige Richtung schicken.
Meine Navigationsfunktion geht so: da ich sicherlich keine $ 50 für Internetfähigkeitsquatsch bezahle, suche ich mir die Wege, die ich zu einem bestimmten Ort zu gehen habe am Rechner mit google.maps raus (das funktioniert übrigens doch gar nicht soo schlecht, ich war anfangs nur nicht klug genug dafür) und fotografiere das dann ab. Manchmal sieht das dann so aus, als hätte ich wirklich google.maps auf meinem Händi, meist aber eher so:

Und der Weg, nach dem die Dame gefragt hatte, war zum Glück auf einer dieser Fotografien zu nachzuvollziehen.

souveräner Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Mittlerweile sitze ich nicht mehr mit furchtverzerrtem Gesicht in der U-Bahn, zähle Stationen und springe ständig auf, um auf der Karte zu überprüfen, wo genau ich mich eigentlich befinde. Es gibt in New York zwei U-Bahnwagen: alte, ohne elektronische Ansage und neue, mit elektronischer Ansage. Einfacher Unterschied, große Wirkung: Während der Tourist in den alten Wagen voller Angst und Unsicherheit sitzt und versucht aus dem blechernen Sprachquark Worte zu filtern, schaut er in den neuen Wagen souverän irgendwohin, denn er weiß ja, dass die richtige Station schon verständlich angesagt wird. Ich sage nur so viel: Ich gehe dermaßen souverän mit den U-Bahnen um, dass ich auch die alten Wagen nicht mehr fürchte. Das Bussystem hingegen kapiere ich nicht und will nicht länger davon sprechen.
Beim lässigen irgendwohin-schauen in der U-Bahn fällt einem allerlei Spökes auf, vor allem Werbung. Der absolute Superheld vieler Leute in New York ist Dr. Zizmor, hier ein von Google geklautes Bild, da ich mich nicht traue das in der U-Bahn zu fotografieren.

Dr. Zizmor ist mindestens so dubios, wie es das Bild erahnen lässt. Mindestens zwei Mal soll er die amerikanischen Krankenversicherungen übers Ohr gehauen haben: einmal hat er eine Operation für $ 100.000 abgerechnet, die gar nicht stattfand; in einem anderen Fall hat er mehrere Schönheitsoperationen als medizinisch notwendige Eingriffe deklariert. Das ist mir alles egal, ich finde die Werbung einfach nur grotesk. Das ist wie „WordArt“ (gibt es das noch? Bei Word 95 hab ich das mal gesehen glaube ich) für einen Flyer zu benutzen. Neben Dr. Z feiere ich ganz persönlich Keano. Keano ist einer von vielen spirituellen Typen, die New York ihre Dienste anbieten. Bisher habe ich den Flyer von Keano noch auf jeder U-Bahnfahrt gefunden und ich frage mich, ob er die selber verteilt, ob er seinen „Guy“ dafür hat oder ob er das ganze irgendwie spirituell regelt. Ich fürchte mich vor dem Tag ohne Keano-Flyer.

Keano ist nicht nur ein „powerful master in [sic?] love“, er findet Bindestriche auch total gut.

total untouristische und unaufgeregte Abende an einem Ort, den man Zuhause nennt

Gestern (Freitag, 25.8.2012) war es so weit: ich war an einem Tag am Wochenende die ganze Zeit allein zuhause, habe mir amerikanisches Schlickerzeug (Ben&Jerrys, Doritos) gegönnt und Baseball geguckt. Das liegt zum einen an Punkt eins (kleiner Freundeskreis), zum anderen aber auch daran, dass ich mich in meiner Wohnung echt wohl fühle. Die Wohnung ist sicherlich dem am nächsten, wie ich mir wohnen so vorstelle, wenn ich groß bin. Zwei Fotos (Wohnzimmer und mein Schlafzimmer) mögen genügen:

Wohnzimmer

Schlafzimmer

Außerdem wohne ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Katze zusammen … ne, das klingt komisch. Also Rudi hat eine Katze (von meiner angeblichen Allergie merke ich bisher übrigens eher nix) und die flitzt hier in der Wohnung rum. Uns verbindet eine sehr enge Hassliebe. Nathan ist ein sehr aufgewecktes Kerlchen (= schrecklich laut krakelender, Dinge kratzender, 13 jähriger wahnsinniger Kater), der in letzter Zeit morgens gegen 5 an meiner Tür kratzt und dabei sehr laut katzenmäßig rumbölkt. Das führt dann dazu, dass ich ihn anschnautze, so tue, als würde ich ihm was zu essen geben und ihn dann im Wohnzimmer einsperre, damit ich bis halb acht weiterschlafen kann. Das klingt gemein, ist es auch, mir aber egal, denn es ist nicht „meine“ Katze und wenn der feine Herr sich wieder benimmt, dann darf er gerne auch außerhalb des Wohnzimmers herumturnen. Irgendwie is er aber schon ziemlich niedlich, da kann man leider nichts machen und ich hab dich gern, Nate. Leider kann man ihn bei seinen shenanigans (ein absolutes Super-Wort, das viel dringender als googeln in den Duden sollte) nicht gut fotografieren, aber hier mal ein Eindruck.

Settled in?

Das ist ein wirklich sehr langer Beitrag geworden, aber ich wollte gern die Facetten meines ersten Monats hier aufzeigen. Fazit: Ich denke, dass man nach einem Monat unmöglich einen solch großen (und wunderbaren) Freundeskreis haben kann, wie ich ihn in Deutschland habe. Ich bin der Meinung, dass die ersten Ausfallerscheinungen meines „ich bin in New York“-Ohrwurms genau wie die gestiegene Souveränität im Umgang mit der U-Bahn (Busse bleiben mir für immer egal, da laufe ich lieber) und die hin und wieder erfolgreiche Orientierung andeuten, dass ich mich hier ein wenig eingelebt habe. Andererseits kann es sicher nicht das Ziel sein hier alles selbstverständlich und schulterzuckend hinzunehmen, dafür gibt es hier viel zu viel zu entdecken … packen wir’s an


5 Antworten auf „Settling in“


  1. 1 Robert 26. August 2012 um 10:28 Uhr

    Auf meinem Android Smartphone (so eins, wo Samsung eiskalt die viereckige Form mit abgerundeten Ecken kopiert hat) kann Google Maps (bspw. aus dem WLAN heraus) Karten für den Offline-Modus speichern. Zudem kannst du Tourenplanungen bei maps.google.com unter „Meine Orte“ speichern und hast dann auch von Smartphone Zugriff darauf.

  2. 2 Administrator 26. August 2012 um 15:42 Uhr

    wahrscheinlich kann mein händi das auch, aber ich bin auf jeden fall zu doof dafür … so funktionierts ja auch

  3. 3 Anonymous 26. August 2012 um 17:30 Uhr

    Du schreibst so interessant und lustig ich könnte mich wegschmeissen

  4. 4 Administrator 26. August 2012 um 17:32 Uhr

    vielen dank für die blumen, an wen auch immer

  5. 5 Robert 27. August 2012 um 19:02 Uhr

    P.S.: Ist das auf dem letzten Bild der berühmte Mountain-Lion, den man sich auf seinen Mac laden kann?

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